Wende & Unterwasserphase im Schwimmen: Warum dieses Teilstück über Sieg und Niederlage entscheidet

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Von White Sharks e.V.

08 Juni 2026

Wende und Unterwasserphase SchwimmenKurz zusammengefasst: Die Wende und die anschließende Unterwasserphase sind biomechanisch das effizienteste Segment eines Schwimmrennens – und werden im Training am häufigsten vernachlässigt. Wer hier Zeit verliert, kann sie auf der Freistrecke kaum mehr aufholen.

Was ist die Unterwasserphase beim Schwimmen?

Nach jeder Wende – ob Rollwende im Freistil, Backstroke-Wende oder Schmetterlingsanschlag – folgt die sogenannte Unterwasserphase (englisch: underwater dolphin kick phase, kurz UDK).

Der Schwimmer befindet sich vollständig unter der Wasseroberfläche, streckt den Körper in eine hydrodynamische Stromlinienposition (Streamline) und führt mehrere Delfinschläge aus, bevor er auftaucht und zur Oberflächentechnik wechselt.

Diese Phase ist durch Wettkampfregeln begrenzt: Im Freistil und Rücken darf der Kopf nach dem Abstoß maximal 15 Meter unter Wasser verbleiben. Erfahrene Wettkampfschwimmer nutzen diese gesamte Distanz strategisch aus – und das aus gutem Grund.

Was sagt die Wissenschaft? Studien zur Wende und Unterwasserphase

Die sportwissenschaftliche Forschung der letzten zwei Jahrzehnte belegt eindrücklich, welchen Stellenwert Wende und Unterwasserphase im Hochleistungsschwimmen einnehmen.

Wende als Schlüsselfaktor der Gesamtleistung: Eine vielzitierte Studie von Morais et al. (2019, Sports Biomechanics) analysierte Start- und Wendeleistungen von Eliteschwimmern bei der EM 2016.

Das Ergebnis: Die Wendeleistung ist in allen vier Schwimmstilen statistisch signifikant mit dem Gesamtrennergebnis korreliert. Insbesondere bei 100-m-Rennen kann die Wende den Unterschied zwischen Medaillenrang und Ausscheiden ausmachen.

Born et al. (2024, Sports Biomechanics) untersuchten Start- und Wendeleistungen aller acht Finalisten in sämtlichen olympischen Schwimmstrecken. Die Analyse der 5- und 10-Meter-Splittimes bestätigt: Schnellere Wendeleistungen erklären einen wesentlichen Teil der Gesamtzeit – unabhängig von der Streckenlänge.

Die 60-Prozent-Regel im Kurzbahn-Pool: Besonders eindrucksvoll ist die Untersuchung von Atkison (2010): Im 25-Meter-Kurzbahn-Pool können bei einem 100-m-Rennen mit drei Wenden bis zu 60 % der Renndistanz auf Unterwasserphasen entfallen.

Das bedeutet: Wer die Unterwassertechnik nicht beherrscht, kämpft auf mehr als der Hälfte der Strecke mit einem strukturellen Nachteil.

Polach et al. (2021, BMC Research Notes) analysierten 1500-m-Freistilrennen bei Weltmeisterschaften und kamen zu dem Schluss, dass die Wendeleistung – nicht die reine Schwimmgeschwindigkeit – den entscheidenden Unterschied zwischen Weltklasse und Weltspitze ausmacht.

Hydrodynamischer Vorteil unter Wasser: Warum ist man unter Wasser schneller? An der Wasseroberfläche erzeugt der Körper Wellenwiderstand (wave drag), der bei zunehmender Geschwindigkeit überproportional ansteigt.

Unter Wasser entfällt dieser Widerstand vollständig. Studien von Nakashima (2009, Journal of Biomechanical Science and Engineering) belegen mittels Computersimulation, dass die Unterwasser-Delphinbewegung bei optimaler Rumpfamplitude eine höhere Vortriebseffizienz erzielt als jede Oberflächentechnik.

Unterwasser schneller als über Wasser: Die durchschnittliche Unterwassergeschwindigkeit beim Delfinschlag liegt bei Eliteschwimmern laut Wądrzyk et al. (2017, Human Movement) bei etwa 1,08 m/s – und übertrifft damit die Oberflächengeschwindigkeit.

Kein Wunder, dass Olympiasieger wie Michael Phelps oder Adam Peaty die volle 15-Meter-Unterwasserphase als feste Waffe in ihrem Rennarsenal einsetzen.

Die Rollwende: Technik und Zeitverlust

Die Wende und Unterwasserphase Schwimmen beginnt mit der Rollwende (Flip Turn oder Tumble Turn) ist die am häufigsten verwendete Wendetechnik im Freistil und Rücken. Sie besteht aus vier biomechanischen Phasen:

  1. Ansteuern der Wand – Geschwindigkeit halten, Atemzyklus anpassen
  2. Rollbewegung – Vorwärtsrolle mit Rotation, Füße landen explosiv an der Wand
  3. Abstoß (Push-off) – maximale Kraft in kürzest möglicher Zeit, Streamline-Haltung einnehmen
  4. Unterwasserphase – Delfinschläge bis zum Auftauchen

Zeitanalysen zeigen: Der gesamte Wendevorgang – von 5 m vor bis 5 m nach der Wand – dauert bei Eliteschwimmern zwischen 3,0 und 4,5 Sekunden.

Selbst kleine Technikmängel (schlechter Ansteuerkurs, zu kurze Abstoßkraft, ungünstige Streamline-Position) summieren sich über ein 200- oder 400-m-Rennen zu mehreren Sekunden Gesamtverlust.

Häufige Fehler in Wende und Unterwasserphase

Folgende Technikfehler sind typisch – sowohl bei Nachwuchs- als auch bei fortgeschrittenen Vereinsschwimmern:

  • Abbremsen vor der Wand: Viele Schwimmer zögern den letzten Armzug ab, was die Anfahrtsgeschwindigkeit reduziert und damit kinetische Energie für den Abstoß kostet.
  • Schwache Streamline-Position: Hände nicht übereinandergelegt, Kopf nicht neutral, Hüfte durchgedrückt – jede Abweichung erhöht den Wasserwiderstand erheblich.
  • Zu früh auftauchen: Das vorzeitige Aufbrechen der Unterwasserphase gibt den hydrodynamischen Geschwindigkeitsvorteil leichtfertig auf.
  • Asymmetrische Delfinschläge: Studien von Atkison et al. (2014, Human Movement Science) belegen, dass sagittale Asymmetrie im Delphinschlag die Vortriebseffizienz signifikant reduziert.
  • Flutter Kick statt Dolphin Kick nach der Wende: Takeda et al. (2022, Sports Biomechanics) weisen nach, dass Beinarbeit mit Flutter Kick in der Wendephase zu einer messbaren Verlangsamung führt – Delphinschlag ist klar überlegen.

Wende und Unterwasserphase Schwimmen: Trainingstipps zur Verbesserung

Die gute Nachricht: Die Unterwasserphase ist eine der am besten trainierbaren Komponenten im Schwimmsport. Folgende Trainingsansätze sind wissenschaftlich fundiert und bewährt:

Regelmäßiges Unterwassertraining – Strecken von 10 bis 15 m rein unter Wasser mit maximal kraftvollen Delfinschlägen, mehrmals wöchentlich in jede Trainingseinheit integriert.

Wenden-Serien – Wiederholungsübungen mit je 4–6 Wenden am Stück, fokussiert auf Technik (Abstoßkraft, Streamline, Tauchtiefe, Auftauchpunkt).

Videoanalyse – Unterwasserkameras offenbaren Haltungsfehler in der Streamline-Position, die dem Schwimmer selbst nicht spürbar sind.

Krafttraining im Trockenen – Core-Stabilität, Gluteus-Muskulatur und Fußgelenksmobilität sind entscheidende Faktoren für einen effizienten Delphinschlag.

Clothier (2004) zeigte in einer Trainingsstudie über sechs Wochen, dass gezieltes Delphinschlag-Training nach der Wende die Wendeleistung signifikant verbesserte – auch bei bereits trainierten Schwimmern.

Bedeutung von Wende und Unterwasserphase Schwimmen für das Gesamtrennen

Bei einem 100-m-Freistilrennen im 50-m-Becken (Langbahn) gibt es eine einzige Wende. Studien zufolge entfallen auf die Wende plus Unterwasserphase (10 m vor und nach der Wand) rund 15–20 % der Gesamtrenndauer. Ein Schwimmer mit einer Zeit von 50 Sekunden verbringt also rund 7–10 Sekunden in diesem Segment.

Im 50-m-Kurzbahn-Becken (zwei 25-m-Bahnen, ein Rennen über 100 m = drei Wenden) kann dieser Anteil auf über 50–60 % steigen. Hier ist die Wendeleistung nicht mehr ein Faktor unter vielen – sie ist der Faktor.

Auf Langstrecken (400 m, 800 m, 1500 m) akkumuliert sich der Effekt: Wer pro Wende im Schnitt 0,3 Sekunden verliert, gibt über 29 Wenden (1500 m Langbahn) fast 9 Sekunden weg – eine Ewigkeit im Wettkampfschwimmen.

Fazit: Wende und Unterwasserphase Schwimmen – das unterschätzte Geheimnis

Wende und Unterwasserphase Schwimmen – das ist kein schmückendes Beiwerk im Schwimmtraining – sie sind ein eigenständiges Teilstück des Rennens, das eigenen biomechanischen Gesetzen gehorcht, intensiv trainiert werden muss und über Zeiten und Platzierungen entscheidet.

Wer die Rollwende sauber und explosiv ausführt und die Streamline-Position perfektioniert, kann ohne einen einzigen zusätzlichen Armzug Sekunden gewinnen.

Die erlaubten 15 Meter Unterwasserstrecke sind reines Zeitpotenzial – rein durch technische Überlegenheit in einem Bereich, den viele im Training stiefmütterlich behandeln.

Beim White Sharks e.V. trainieren wir die Unterwasserphase gezielt in jeder Schwimmeinheit – weil wir wissen: Rennen werden nicht nur auf dem Wasser gewonnen.

Quellen

  • Morais et al. (2019): Start and turn performances of elite sprinters at the 2016 European Championships. Sports Biomechanics.
  • Born et al. (2024): Start and turn performances of elite male swimmers. Sports Biomechanics.
  • Polach et al. (2021): Swimming turn performance: the distinguishing factor in 1500 m world championship freestyle races? BMC Research Notes.
  • Atkison et al. (2014): Importance of sagittal kick symmetry for underwater dolphin kick performance. Human Movement Science.
  • Takeda et al. (2022): Underwater flutter kicking causes deceleration in start and turn segments of front crawl. Sports Biomechanics.
  • Clothier (2004): Underwater kicking following the freestyle tumble-turn. ResearchGate.
  • Wądrzyk et al. (2017): Underwater dolphin kicks of young swimmers. Human Movement.
  • Nakashima (2009): Simulation analysis of trunk undulation on underwater dolphin kick. JBSE.

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